Die Welt, aus der Provinz gesehen
Der Autor lebt, weit von Zwist und Unrast der Hauptstädte, in der fernen Provinz Tessin, umgeben von Palmen und Sonnenschein. Kaum je dringen die wichtigen Details der täglichen Weltpolitik bis dorthin, und so muss er sich notgedrungen mit dem großen Bild zufrieden geben. Werfen Sie einen Blick in diese kuriose Welt, heute auf:
Schweiz und Deutschland, Steuerflucht und Bankgeheimnis
Die Schweizer (nicht nur im Tessin) sind ja eines der zufriedensten, wenn nicht gar das glücklichste Volk der Welt. Die Steuermoral der Schweizer ist eine der höchsten der Welt. So lesen wir erfreut in den jährlichen Statistiken.
Eine traditionelle Eigenheit der Schweizer Gesetzgebung nun, die scharfsinnige Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung (letztere wird nicht streng bestraft) gefällt dem eigenen Volk bekanntlich seit über 50 Jahren. Gleiches denken Bürger aus vielen umliegenden Staaten, die sich sogar allerlei Mühe geben, auch davon profitieren zu können. Dies wiederum gibt den Regierungen dieser Länder mächtig zu denken, was eigentlich erfreulich ist.
Eindrücklich nun der Ansatz der deutschen Regierung, das Problem anzugehen. Sie kommt auf die Idee, Tausende ihrer Landsleute - fast alle aus gehobenen und führenden Positionen - zu bedrohen, einzuschüchtern oder gar anzuklagen, um ihnen ihre „unrechtmäßigen“ Ersparnisse nun wegzunehmen. Dazu drangsaliert sie zusätzlich die Schweiz, ihr beliebtes System nun endlich aufzugeben und gefälligst gegen das bundeseigene - darf man sagen unattraktivere - Modell auszutauschen.
Geradezu unwohl ob soviel Kühnheit wird es dem Bewohner in der Provinz: Er stellt sich vor, welch scharfen Blick es benötigt, um klar zu sehen, dass es sich lohnen sollte, sich wegen einiger kurzfristiger Milliarden Tausende von führenden Landleuten nachhaltigst zu verbittern - viel Spaß und Freude in der gemeinsamen Zukunft ist da sicher vorprogrammiert. Zweitens und noch rätselhafter ist aber: Warum kommt niemand auf die naheliegende Idee, das System des Nachbarn - welches lang erprobt, attraktiv und die Leute glücklich machend ist - anzuerkennen (laut oder leise), jedenfalls aber schnellstmöglich zu kopieren und die segensreiche Wirkung zuhause dann zufrieden zu registrieren?
Wie dem auch sei, die Provinz verzeichnet zahlreiche Neuzuzüge. Wir helfen ihnen, schöne Liegenschaften zu finden, Villen, Schlösschen, Seegrundstücke, Palmen und Sonne. Die Zuzügler, meist aus umliegenden Ländern, lachen erleichtert und versichern glaubwürdig: „Da wollen wir gar nie mehr weg, denn (und jetzt kommt’s): Da ist vieles noch so wie es die Leute eigentlich wollen!“. Und am Abend beten wir alle, dass wir das „noch“ bald wieder streichen können.
Posted By:
Ueli F. Schnorf